Was Bildschirmzeit wirklich mit dem Gehirn von Kindern macht – und was nicht
Eltern hören seit Jahren Warnungen: Zu viel Bildschirmzeit schade der Entwicklung des kindlichen Gehirns. Fernsehgeräte, Computer, Tablets, Smartphones und Videospiele werden regelmäßig als Risiko diskutiert.
Doch was sagt die Wissenschaft wirklich?
Ein Bericht der New York Times beleuchtet, wie wenig eindeutig viele dieser Behauptungen sind und wie komplex der Einfluss digitaler Medien auf Kinder tatsächlich ist.
Quelle (NYT): https://www.nytimes.com/2018/12/10/health/screen-time-kids-psychology.html
Warum sich Forscher für die Bildschirmzeit interessieren
In der Jugend passiert im Gehirn enorm viel:
- Nervenzellen werden neu verschaltet
- ungenutzte Verbindungen werden abgebaut
- kognitive Fähigkeiten entwickeln sich rasant weiter
Gleichzeitig steigt die Nutzung digitaler Medien in dieser Zeit stark an.
Kein Wunder also, dass Forscher wissen wollen: Beeinflusst Bildschirmzeit diese Entwicklung?
Das ABCD-Projekt: Die weltweit größte Studie zur Gehirnentwicklung
Die NIH-finanzierte A.B.C.D.-Studie (Adolescent Brain Cognitive Development) untersucht seit 2013 insgesamt rund 11.800 Kinder über viele Jahre hinweg. Sie soll klären:
- Wie verändert sich das Gehirn in der Jugend?
- Haben Substanzen, Sport, Schlaf, Stress oder digitale Medien Einfluss darauf?
- Lassen sich Muster zwischen Verhalten und Hirnstruktur erkennen?
Erste Ergebnisse sorgten für Schlagzeilen – u. a. in „60 Minutes“ – doch die Daten sind noch vorläufig und schwer zu interpretieren.
Haben Forscher erkennbare Hirnveränderungen durch Bildschirmzeit gefunden?
Kurz gesagt: noch nicht eindeutig.
Einige Hinweise wurden gefunden, die aber sehr vorsichtig bewertet werden:
✔ Cortical Thinning
Bei manchen Vielnutzern war eine etwas schnellere „cortical thinning“-Phase sichtbar – ein natürlicher Prozess, der bei allen Menschen eintritt.
→ Ob dies relevant ist, weiß niemand.
✔ Unterschiedliche Testergebnisse
Einige Kinder mit hoher Bildschirmzeit schnitten bei bestimmten Sprach- oder Logiktests schlechter ab – andere wiederum besser.
→ Die Ergebnisse waren widersprüchlich.
✔ Selbstangaben sind unzuverlässig
Die meisten Studien nutzen Selbstberichte („Wie lange warst du am Handy?“).
→ Studien zeigen: Jugendliche unterschätzen oder überschätzen sehr häufig.
✔ Kein klarer kausaler Zusammenhang
Viele Studien zeigen Korrelationen, aber keine Ursache-Wirkungs-Beziehungen.
Beispiel:
Wenn Kinder mit hoher Bildschirmzeit impulsiver sind – liegt es am Bildschirm?
Oder wählen impulsivere Kinder schlicht häufiger schnelle, digitale Reize?
Was Wissenschaftler tatsächlich sicher sagen können
1. Das Gehirn verändert sich ständig – durch alles
Nicht nur Bildschirme:
- Lesen
- Sport
- Musik
- Schlaf
- Stress
- Armut
- Streit in der Familie
Alle diese Faktoren „formen“ das Gehirn.
Es ist normal, dass sich Strukturen verändern – und nicht automatisch problematisch.
2. Die Datenlage ist uneinheitlich
Über 100 Studien wurden analysiert. Manche fanden negative Effekte, andere neutrale oder sogar positive.
Eine große Übersichtsstudie der Queen’s University Belfast (2014) kam zu dem Schluss:
„Es fehlt robuste Evidenz, dass Social Media oder Bildschirmzeit die mentale Gesundheit Jugendlicher eindeutig verschlechtern.“
3. Viele Effekte hängen nicht vom Bildschirm ab – sondern vom Kind
Wichtige Einflussfaktoren sind:
- Persönlichkeit (z. B. Neigung zu Depression oder Aggression)
- häusliche Situation
- Freundschaften
- Schlafqualität
- Stress
- soziale Isolation
Gerade soziale Isolation kann dazu führen, dass Jugendliche digitale Räume als Ersatz nutzen – manchmal sogar mit positiven Effekten (Community, Austausch, Sicherheit).
Warum eindeutige Forschungsergebnisse so schwer zu finden sind
✔ Jedes Gehirn entwickelt sich anders
Unterschiede in Hirnvolumen, Reifegrad, Verknüpfungsgeschwindigkeit usw. machen es schwer, Muster zu erkennen.
✔ Zu viele externe Einflüsse
Digitale Medien sind nur ein Faktor unter vielen – und oft nicht der wichtigste.
✔ Momentaufnahmen verfälschen Ergebnisse
Ein MRT-Bild zeigt eine Sekunde im Leben eines Kindes.
Ein Jahr später kann vieles anders aussehen.
Was Eltern aus der Forschung ableiten können
Auch wenn viele Mythen wissenschaftlich nicht bestätigt sind, gibt es einige klare Empfehlungen:
✔ 1. Schlaf schützen
Smartphones im Schlafzimmer sind nachweislich schädlich – wegen:
- Schlafunterbrechungen
- Blaulicht
- ständiger sozialer Erreichbarkeit
Das ist einer der am besten belegten Effekte.
✔ 2. Mediennutzung nicht verteufeln, sondern begleiten
Die Frage ist nicht nur wie lange, sondern:
- Was schaut das Kind?
- Warum?
- Mit wem?
- Wie fühlt es sich danach?
✔ 3. Bildschirmzeit ersetzt andere Erfahrungen
Der größte Nachteil ist oft nicht das Gerät selbst, sondern dass Kinder weniger tun:
- draußen spielen
- Freunde treffen
- einschlafen
- Langeweile aushalten
- kreativ sein
Eltern können hier bewusst Ausgleich schaffen.
✔ 4. Extreme Nutzung ist ein Warnsignal – nicht die Bildschirmzeit an sich
Wenn Kinder stark isoliert, schlecht gelaunt, schlaflos oder reizbar werden, sollte man genauer hinsehen – egal ob durch Medien oder andere Stressfaktoren ausgelöst.
Fazit: Bildschirmzeit ist nicht per se schlecht – aber Kontext ist entscheidend
Die Forschung zeigt bisher:
- Bildschirmzeit allein ist kein guter Indikator für Risiken.
- Die größten Probleme entstehen nicht durch das Gerät selbst, sondern durch fehlenden Schlaf, Stress, Isolation oder fehlende Alternativen.
- Groß angelegte Studien wie die ABCD-Studie brauchen noch Jahre, bevor klare Aussagen möglich sind.
Bis dahin gilt für Familien ein pragmatischer Mittelweg:
✔ Begleiten statt verbieten
✔ Schlaf schützen
✔ Offline-Aktivitäten bewusst fördern
✔ Gespräche und Regeln auf Augenhöhe
Bildschirmzeit ist ein Teil des modernen Familienlebens – und mit der richtigen Balance kein Risiko, sondern auch eine Chance.
Quelle:
New York Times – „Is Screen Time Bad for Kids’ Brains?“
https://www.nytimes.com/2018/12/10/health/screen-time-kids-psychology.html