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Hausarbeit fair teilen: Wie Familien den Mental Load gerechter verteilen können

In vielen Familien sieht der Alltag so aus: Beide Elternteile arbeiten, beide sind erschöpft.

Familie organisiert gemeinsam den Tag

Hausarbeit fair teilen: Wie Familien den Mental Load gerechter verteilen können

In vielen Familien sieht der Alltag so aus: Beide Elternteile arbeiten, beide sind erschöpft – und dennoch übernehmen Mütter einen deutlich größeren Teil der Hausarbeit und der Organisation rund um die Kinder. Studien zeigen seit Jahren, dass Frauen häufiger kochen, putzen, waschen, den nächsten Impftermin planen, Geschenke für Kindergeburtstage besorgen oder Laternen basteln. Und das sogar dann, wenn Mutter und Vater gleich viele Stunden im Job verbringen.

Warum ist das so – und wie kann eine moderne Familie diese Last gerecht aufteilen?


Warum der Mental Load oft bei den Müttern liegt

Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigen: Zwar arbeiten heute fast 70 Prozent der Mütter mit minderjährigen Kindern – doch 65 Prozent von ihnen in Teilzeit. Gleichzeitig sind 94 Prozent der Väter in Vollzeit beschäftigt.

Diese strukturelle Rollenverteilung ist kein Zufall. Fachleute wie Volker Baisch und Patricia Cammarata erklären:
Wir leben noch immer mit einer tief verankerten Sozialisation.

Wer sind diese Expert:innen?

Volker Baisch
Volker Baisch ist zweifacher Vater und Gründer der Väter gGmbH, einer gemeinnützigen Organisation, die Unternehmen berät und dafür eintritt, dass Väter aktiver in Familienleben und Care-Arbeit eingebunden werden. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Arbeitsmodellen, Rollenbildern und den Herausforderungen moderner Vaterschaft.

Patricia Cammarata
Patricia Cammarata (*1975), auch bekannt unter ihrem Online-Pseudonym „dasnuf“, ist eine deutsche Autorin, Bloggerin und Podcasterin. Sie gilt als eine der sichtbarsten Stimmen zum Thema Mental Load im deutschsprachigen Raum und hat mit ihrem Buch „Raus aus der Mental-Load-Falle“ wichtige Impulse zur fairen Aufteilung von Care-Arbeit geliefert.


Wie diese Sozialisation den Alltag prägt

  • Mädchen lernen früh, Verantwortung zu übernehmen und „mitzudenken“.
  • Jungen hingegen werden seltener in organisatorische Aufgaben eingebunden.

Somit bleibt die mentale Last – das ständige Erinnern, Planen, Koordinieren – oft automatisch an Frauen hängen.

Interessant ist:
Selbst Paare, die beide Vollzeit arbeiten, bestätigen dieses Muster. Eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung zeigt: Frauen organisieren weiterhin den Großteil des Familienalltags, selbst wenn die Arbeitszeit identisch ist.

Männer hingegen neigen häufig dazu, ihren Anteil an der Familienarbeit zu überschätzen – während Frauen die unsichtbaren Aufgaben und deren Belastung deutlicher sehen.


Auch Väter tragen eine unsichtbare Last

Parallel dazu existiert der sogenannte Financial Mental Load:
Rund 77 Prozent der Väter in Deutschland sind Hauptverdiener oder empfinden sich als solche. Das erzeugt enormen Druck:

  • funktionieren müssen
  • Überstunden leisten
  • beruflich stets leistungsfähig sein
  • die Familie finanziell absichern

Viele Väter würden gerne mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen, fühlen sich jedoch beruflich gebunden.

Unsichtbare Last gibt es also auf beiden Seiten – sie sieht nur unterschiedlich aus.


Wie Familien die Arbeit gerechter verteilen können

Viele Paare wünschen sich mehr Gleichberechtigung, wissen aber nicht, wo sie anfangen sollen. Die gute Nachricht: Es gibt konkrete Methoden, die nachweislich funktionieren.


1. Bestandsaufnahme: Wer macht eigentlich was?

Bevor etwas verändert werden kann, braucht es Transparenz.

Eine einfache Übung:

  1. Beide Partner schreiben unabhängig voneinander auf, welche Aufgaben sie täglich, wöchentlich und monatlich übernehmen.
  2. Auch mentale Tätigkeiten erfassen: an Termine denken, Kleidunggrößen prüfen, Kita-Infos lesen, Arzttermine vereinbaren usw.
  3. Erst dann wird verglichen.

Oft ist das Ergebnis überraschend – und ein wichtiger erster Schritt zur Veränderung.


2. Aufgaben sichtbar machen und eindeutig verteilen

Patricia Cammarata empfiehlt ein leicht umsetzbares System:

Schritt 1

Gemeinsam auflisten, was in der nächsten Woche ansteht.

Schritt 2

Die Aufgaben klar aufteilen – inklusive der Verantwortung für Planung und Koordination.

Schritt 3

Nach zwei bis vier Wochen gemeinsam evaluieren:

  • Was lief gut?
  • Was war zu viel?
  • Was fehlt?

Ein Tipp von Väterberater Volker Baisch:
Nicht einzelne Aufgaben verteilen, sondern ganze Bereiche.

Beispiele:

  • Eine Person übernimmt alles rund um Gesundheit (Impfungen, Arztbesuche, Medikamente).
  • Die andere übernimmt Kita/Schule (Elternabende, Ausflüge, Wechselklamotten).

Das reduziert Nachfragen und verhindert, dass mentale Last doch wieder zurückspringt.


3. Verantwortung abgeben – wirklich abgeben

Eine der größten Herausforderungen:
Die Person, die entlastet werden will, muss bereit sein, Aufgaben wirklich loszulassen.

Wer z. B. die Organisation des Kindergeburtstags abgibt, darf nicht weiter im Hintergrund mitplanen.
Nur so verschwindet der Mental Load wirklich.

Fehler sind erlaubt. Andere Wege sind erlaubt. Perfektion braucht Pause.


4. Rollentausch ausprobieren

Ein kurzzeitiger Rollentausch kann sehr hilfreich sein.

Beispiele:

  • Eine Woche lang übernimmt der Partner, der normalerweise alles im Blick hat, die gesamte Terminorganisation.
  • Die andere Person übernimmt dafür die komplette Haushaltsführung.

Dadurch wird spürbar, wie viel Arbeit im Detail steckt – und wie viel Wertschätzung notwendig ist.


5. Über die eigene Kindheit und Muster sprechen

Viele Verhaltensweisen stammen aus der eigenen Erziehung:

  • Was hat die Mutter früher übernommen?
  • Welche Erwartungen hatte der Vater?
  • Welche Rollenbilder wurden vorgelebt?

Wer darüber spricht, versteht sich selbst und den Partner besser – und kann Muster gemeinsam verändern.

Auch Gefühle sollten klar benannt werden:

  • Brauche ich mehr Ruhe?
  • Möchte ich mehr Wertschätzung?
  • Habe ich das Gefühl, alles allein zu tragen?

6. Gesellschaftliche Faktoren nicht unterschätzen

Gleichberechtigung endet nicht an der Wohnungstür. Viele Familien kämpfen mit äußeren Hürden:

  • fehlende Kita- und Hortplätze
  • starre Arbeitszeiten
  • Arbeitgeber, die von Vätern 100 % Präsenz erwarten
  • geringe Akzeptanz längerer Elternzeit für Männer

Expert:innen empfehlen langfristig Modelle wie:
80/80 statt 100/60 – beide reduzieren leicht und teilen Erwerbs- und Care-Arbeit gerechter.


Praktische Tipps für den Alltag – direkt umsetzbar

✓ Wöchentlicher Familien-Check-in

15 Minuten reichen, um Aufgaben und Belastungen zu besprechen.

✓ Aufgabenbereiche statt Einzelschritte vergeben

Wer z. B. „alles rund ums Essen“ übernimmt, hat volle Verantwortung – vom Einkauf bis zum Wochenplan.

✓ Unsichtbare Aufgaben notieren

Viele Paare sind erstaunt, wie viel Belastung im Kopf steckt.

✓ Kontrolle bewusst loslassen

Die Aufgabe gehört der Person, die sie übernimmt – inklusive Entscheidungen.

✓ Väter ermutigen, aktiver einzusteigen

Viele Väter möchten präsenter sein, brauchen aber klare Absprachen und Rückhalt.


Fazit: Gleichberechtigte Familienarbeit entsteht Schritt für Schritt

Hausarbeit fair aufzuteilen bedeutet weit mehr als das Verteilen von To-dos.
Es bedeutet, Verantwortung zu teilen, Muster zu reflektieren und offen miteinander zu sprechen. Paare, die den Mental Load gemeinsam tragen, gewinnen:

  • mehr Harmonie
  • mehr Wertschätzung
  • mehr freie Zeit fürs Familienleben

Gleichberechtigung beginnt im Alltag – jeden Tag aufs Neue.

Häufig gestellte Fragen

Was ist Mental Load und warum betrifft er vor allem Mütter?

Mental Load beschreibt die unsichtbare Denkarbeit rund um Haushalt und Familie – das ständige Planen, Erinnern und Koordinieren. Studien zeigen, dass Frauen aufgrund gesellschaftlicher Sozialisation diese Last häufiger tragen, selbst wenn beide Partner gleich viel arbeiten.

Wie können Paare die Hausarbeit fairer aufteilen?

Der erste Schritt ist Bewusstsein: Alle Aufgaben sichtbar machen, offen kommunizieren und feste Zuständigkeiten vereinbaren. Digitale Tools wie Familien-Apps können helfen, Aufgaben zu dokumentieren und fair zu verteilen.

Was ist der Unterschied zwischen Mental Load und Care-Arbeit?

Care-Arbeit umfasst die sichtbare Fürsorgearbeit wie Kochen, Putzen oder Kinderbetreuung. Mental Load hingegen ist die unsichtbare Planungsarbeit dahinter – also zu wissen, wann der nächste Arzttermin ist oder welche Zutaten fehlen.

Welche Rolle spielen Väter beim Mental Load?

Väter tragen oft den sogenannten Financial Mental Load – den Druck, als Hauptverdiener zu funktionieren. Eine faire Verteilung erfordert, dass beide Partner sowohl finanzielle als auch organisatorische Verantwortung teilen.

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