Vorlesen mit Tablet oder Buch? Was Kleinkinder wirklich brauchen
Clifford der große rote Hund bellt auf Knopfdruck, Figuren bewegen sich, Wörter blinken auf – digitale Bilderbücher sind für viele Familien heute Alltag. Doch eine Frage beschäftigt Eltern, Kinderärztinnen und Forscher gleichermaßen:
Ist E-Reading für Kleinkinder echte Vorlesezeit – oder nur Bildschirmzeit?
Ein ausführlicher Bericht der New York Times beleuchtet genau diese Frage und zeigt, warum Eltern derzeit oft widersprüchliche Empfehlungen erhalten.
Quelle: The New York Times, Is E-Reading to Your Toddler Story Time, or Simply Screen Time?
Während klassische Bücher seit Jahrzehnten fester Bestandteil der frühen Förderung sind, gelten Bildschirme für Kleinkinder gleichzeitig als Risiko. Die Forschung zeigt: Ganz so einfach ist die Einordnung nicht.
Dieser Artikel fasst die aktuellen Erkenntnisse zusammen – und hilft Eltern herauszufinden, wann digitale Bücher sinnvoll sind und wann sie eher von der Sprachentwicklung ablenken.
Vorlesen bleibt wichtig – unabhängig vom Medium
Fachleute weltweit empfehlen Eltern, so früh wie möglich mit dem Vorlesen zu beginnen. Die Vorteile sind gut belegt:
- besserer Wortschatz
- stärkere Sprachentwicklung
- engeres emotionales Band
- mehr Interesse an Büchern
- bessere Vorbereitung auf die Schule
Die American Academy of Pediatrics geht sogar so weit, Vorlesen ab Geburt zu empfehlen – genauso selbstverständlich wie Impfungen oder gesundes Essen.
Gleichzeitig lautet eine der zentralen Empfehlungen:
- Keine Bildschirmzeit unter zwei Jahren,
- Begrenzte Bildschirmzeit für ältere Kleinkinder.
Damit prallen zwei Ratschläge aufeinander: Vorlesen ja – aber bitte ohne Bildschirm.
Was passiert, wenn Bücher digital werden?
Viele Eltern stehen vor der Frage:
Zählt ein E-Book auf dem iPad als Vorlesen oder als Bildschirmzeit?
Die wissenschaftliche Antwort lautet: Es kommt darauf an – aber klassisches Vorlesen schneidet insgesamt besser ab.
Die Forschung steckt zwar noch in den Kinderschuhen, da Tablets erst seit wenigen Jahren verbreitet sind. Doch mehrere Studien weisen in dieselbe Richtung:
Elektronische Bilderbücher können das gemeinsame Lesen beeinträchtigen
Forscher fanden heraus, dass Kleinkinder weniger vom Inhalt lernen, wenn Eltern von einem Tablet statt von einem Bilderbuch vorlesen.
Ein typisches Muster:
- Eltern und Kinder reden weniger über die Geschichte.
- Die Interaktion verschiebt sich hin zum Gerät („Nicht drücken!“, „Warte kurz!“).
- Die Aufmerksamkeit wandert vom Inhalt zu den Effekten.
Diese Gespräche fehlen dann – obwohl sie entscheidend für den Spracherwerb sind.
Dialogisches Lesen funktioniert mit Papier besser
Beim klassischen Vorlesen kommen Kinder häufiger ins Gespräch:
- „Was siehst du auf der Seite?“
- „Wie denkst du geht die Geschichte weiter?“
- „Kennst du jemanden, der das auch macht?“
Diese dialogischen Elemente gelten als Motor für Sprachentwicklung. Bei E-Books treten sie seltener auf.
Warum digitale Extras oft mehr stören als helfen
Viele digitale Bücher enthalten:
- Mini-Spiele
- Geräusche
- Animationen
- interaktive Elemente, die antippbar sind
Sie mögen unterhaltsam sein – aber sie unterbrechen den Erzählfluss.
Forscherinnen wie Kathy Hirsh-Pasek warnen:
„Alles, was das Gespräch zwischen Eltern und Kind unterbricht, nimmt dem Vorlesen seinen Wert.“
Wenn Kinder ständig auf Effekte tippen möchten oder das Gerät Aufmerksamkeit verlangt, geht der eigentliche Zweck verloren: die Geschichte gemeinsam zu erleben.
Können interaktive Apps trotzdem etwas lernen lassen?
Ja – in bestimmten Fällen.
Studien zeigen, dass interaktive Apps neue Wörter vermitteln können, vor allem wenn Kinder aktiv handeln müssen. Das funktioniert aber deutlich besser bei älteren Kleinkindern, nicht bei Babys oder ganz jungen Kindern.
Entscheidend ist:
Technologie kann das Lernen unterstützen, aber nicht das Gespräch und die soziale Interaktion zwischen Eltern und Kind ersetzen.
Ein Experiment mit 9 Monate alten Babys zeigte etwa, dass Kinder sprachlich nichts lernten, wenn sie eine Sprache über Video hörten – aber viel lernten, wenn eine echte Person mit ihnen sprach.
Die große Gefahr: E-Books als „digitale Babysitter“
Einige Expertinnen sehen ein Risiko darin, dass Eltern digitale Bücher nutzen, um Zeit zu überbrücken – etwa im Wartezimmer, im Restaurant oder während der Geschwisteraktivitäten.
Natürlich ist das manchmal unvermeidbar.
Eltern berichten offen:
- Ein iPad verhindert, dass Kleinkinder in Schwimmbecken springen.
- Es hilft bei langen Wartezeiten.
- Es verschafft kurze Momente der Ruhe.
Das Problem entsteht erst, wenn das Gerät dauerhaft das Vorlesen ersetzt.
„Wir wollen nicht, dass Eltern denken: ‚Mein Tablet liest vor, ich muss es nicht mehr tun.‘“
– Kyle Snow, National Association for the Education of Young Children
Wann E-Books für Kleinkinder sinnvoll sein können
Digitale Bücher können unter bestimmten Bedingungen durchaus Vorteile haben:
- wenn Eltern mitlesen und aktiv begleiten
- wenn Effekte dezent sind und nicht den Fokus ablenken
- wenn keine Spiele in der Geschichte eingebettet sind
- wenn das Tablet nicht „vorliest“, sondern als Medium für gemeinsame Interaktion dient
Gut geeignet sind:
- einfache Bilderbücher ohne Spiele
- Vorlese-Apps in Ruhephasen
- digitale Bücher auf Reisen oder unterwegs
- Bücher, die realistische Geräusche sinnvoll einbetten (z. B. Tierlaute)
Wann Papierbücher klar im Vorteil sind
1. Für Babys und unter Zweijährige
Vorteil: haptische Erfahrung, echte Interaktion, Blickkontakt, Sprache aus dem echten Leben.
2. Beim dialogischen Lesen
Papierbücher laden stärker zum gemeinsamen Entdecken ein.
3. Wenn das digitale Buch stark gamifiziert ist
Reine „Tippe hier“-Erlebnisse bringen wenig fürs Sprachlernen.
4. Bei Einschlafritualen und Ruhephasen
Bildschirme mit Licht oder Animationen stören den Schlafrhythmus.
5. Wenn Eltern sich „ersetzt“ fühlen könnten
Das Gespräch ist wichtiger als die Technologie.
Praktische Tipps für Eltern: E-Books sinnvoll nutzen
✔ Lesen Sie immer gemeinsam, nicht allein.
✔ Deaktivieren Sie Geräusche oder Animationen, wenn möglich.
✔ Unterbrechen Sie das Vorlesen nicht – Effekte sind kein Hauptteil der Geschichte.
✔ Nutzen Sie Papierbücher als Standard, digitale Bücher als Ergänzung.
✔ Achten Sie auf Blickkontakt und Gesprächsphasen.
✔ Vermeiden Sie E-Books vor dem Einschlafen.
✔ Folgen Sie eher den Bedürfnissen des Kindes als der Technologie.
Fazit: Vorlesen ist wertvoll – das Medium entscheidet über die Qualität
Digitale Bilderbücher sind weder gut noch schlecht.
Entscheidend ist die Art der Nutzung.
Die Forschung zeigt deutlich:
Kleinkinder lernen Sprache am besten durch echte, soziale Interaktion – nicht durch Bildschirmkontakt.
Papierbücher fördern diese Interaktion am stärksten.
E-Books können eine sinnvolle Ergänzung sein, solange Eltern weiterhin:
- aktiv mitlesen
- Blickkontakt halten
- ins Gespräch gehen
- und den Fokus auf die Geschichte legen, nicht auf die Effekte.
Vorlesen bleibt damit – unabhängig vom Medium – eine der wertvollsten Aktivitäten, die Eltern für die Sprachentwicklung ihrer Kinder tun können.