Zu müde zum Lernen: Wie exzessive Bildschirmzeit Kinder in der Schule ausbremst
Lehrkräfte berichten zunehmend, dass Kinder morgens erschöpft, unkonzentriert und sozial überfordert in der Schule erscheinen. Ein wichtiger Grund: zu viel Bildschirmzeit am Handy – nicht im Unterricht, sondern zu Hause.
Die BBC hat über Lehrkräfte in Yorkshire berichtet, die genau davor warnen: Viele Schülerinnen und Schüler seien im Unterricht auffällig müde, still, abwesend oder in Streitigkeiten verstrickt, die am Vorabend online begonnen haben.
Quelle: BBC: „Excessive screen time leaves children unfit to learn – teachers“
Auch wenn sich der Bericht auf England bezieht – die beschriebenen Phänomene kennen viele Eltern und Lehrkräfte hierzulande nur zu gut.
Was Lehrkräfte beobachten
Lehrkräfte an einer weiterführenden Schule in Rotherham schildern gegenüber der BBC, dass sie vermehrt Jugendliche erleben, die:
- im Unterricht sehr müde oder schläfrig wirken
- sich schwer auf Aufgaben konzentrieren können
- Konflikte aus Chatgruppen mit in den Schultag bringen
- Schwierigkeiten haben, in Freundesgruppen stabile Beziehungen aufzubauen
Ein wichtiger Befund:
Ein Großteil dieser Konflikte und Belastungen entsteht nicht in der Schule, sondern am Handy – spät abends im Kinder- oder Jugendzimmer.
Wie früh Kinder ein eigenes Smartphone haben
Die im BBC-Artikel zitierten Daten der Initiative „No Phones At Home“ zeigen, wie früh Smartphones im Alltag von Kindern ankommen:
- Rund 55 % der Kinder besitzen mit 11 Jahren ein eigenes Smartphone.
- Mit 12 Jahren sind es bereits 77 %.
- Von diesen Kindern haben rund 86 % Social-Media-Accounts.
- Diese Gruppe verbringt im Schnitt 2,5 Stunden täglich am Handy.
Das sind Durchschnittswerte – viele Kinder liegen darüber.
Folgen von zu viel Handyzeit am Abend
Zu viel Bildschirmzeit – vor allem spät am Abend – kann:
- den Schlaf verkürzen oder hinauszögern
- die Schlafqualität verschlechtern
- das Gehirn vor dem Einschlafen überreizen
- die emotionale Lage belasten (z. B. durch Chats, Vergleiche, Konflikte)
- dazu führen, dass Kinder morgens erschöpft und gereizt sind
Müdigkeit ist im Klassenraum sofort sichtbar:
Kinder können sich schlechter konzentrieren, sind weniger belastbar, reagieren schneller genervt und tun sich schwerer, neue Inhalte aufzunehmen.
Soziale Folgen: Ungeduld, Rückzug, Konflikte
Lehrkräfte in Leeds berichten in dem BBC-Beitrag von weiteren Veränderungen bei Kindern, die sehr viel online sind:
- Schwierigkeiten in der direkten Interaktion – Kinder wirken zurückgezogen und tun sich schwer, mit anderen zu spielen oder zu reden.
- Geringe Frustrationstoleranz – sie wollen Belohnung und Aufmerksamkeit sofort, geduldiges Warten fällt schwer.
- Konflikte verlagern sich ins Netz – Streit in Chatgruppen setzt sich in der Schule fort.
Viele Eltern bekommen nur einen Teil davon mit – Lehrkräfte sehen jedoch die Auswirkungen im Schulalltag in verdichteter Form.
Reicht ein Handyverbot in der Schule?
In Großbritannien hat die Regierung neue Leitlinien erlassen, um die Handynutzung im Unterricht stark zu begrenzen. Ziel: weniger Ablenkung, mehr Fokus, bessere Lernatmosphäre.
Schulleitungen weisen allerdings darauf hin, dass das nur einen Teil des Problems löst:
- Ein Verbot im Unterricht verhindert Ablenkung während der Stunde –
- Aber es ändert nichts an der Nutzung am Abend oder in der Nacht.
- Online-Konflikte, Social-Media-Druck und exzessives Scrollen entstehen vor allem außerhalb der Schule.
Ein Schulleiter, der zugleich Verbandsvertreter ist, kritisiert deswegen, der Staat konzentriere sich zu sehr auf das Gerät selbst – und zu wenig auf Plattformen und Inhalte, auf denen Kinder extremen oder verstörenden Content sehen können.
Welche Rolle Eltern spielen
Die im BBC-Artikel zitierte Psychologin Charlotte Armitage bringt es auf den Punkt: Eltern müssen klare Grenzen setzen und für Balance sorgen. Es gehe nicht darum, Technik zu verteufeln, sondern um „alles in Maßen“.
Gleichzeitig sind Kinder- und Jugendpsychiatrien vielerorts überlastet – die Zahl junger Menschen mit psychischen Belastungen steigt. Auch wenn nicht jedes Problem direkt auf Bildschirmzeit zurückzuführen ist, wird klar:
Eltern können durch einen bewussten Umgang mit Handyzeiten viel dazu beitragen, dass Belastungen gar nicht erst eskalieren.
Konkrete Tipps für Eltern: So wird Bildschirmzeit nicht zum Schulproblem
1. Feste Handy-Zeiten am Abend vereinbaren
- Klare Regel: Ab einer bestimmten Uhrzeit (z. B. 20:00 Uhr) ist das Handy aus oder liegt außerhalb des Kinderzimmers.
- Differenziert nach Alter: Jüngere Kinder brauchen frühere Grenzen als Jugendliche.
- Wichtig: Regeln gemeinsam besprechen und begründen, statt sie nur „von oben“ zu verordnen.
2. Nacht konsequent bildschirmfrei halten
- Keine Handys oder Tablets im Bett.
- Alternative Abendroutine: Lesen, Hörspiel, ruhige Gespräche.
- Der Schlaf sollte Priorität haben – nicht der letzte Blick in den Chat.
3. Interesse zeigen statt nur zu verbieten
- Fragen: „Mit wem schreibst du?“, „Was gefällt dir an der App?“, „Was stresst dich?“
- Kinder und Jugendliche ernst nehmen, statt ihr Online-Leben abzuwerten.
- So entsteht Vertrauen – wichtig, damit sie sich bei Problemen melden.
4. Mediale und reale Welt ausbalancieren
- Gemeinsame Aktivitäten ohne Bildschirm (Spaziergänge, Sport, Spiele).
- Offline-Zeit als Familienzeit definieren.
- Wenn Kinder positive Erlebnisse außerhalb des Screens haben, fällt es ihnen leichter, das Handy auch mal zur Seite zu legen.
5. Vorbild sein
- Handy beim Essen weglegen.
- Keine Mails nebenbei checken, wenn das Kind etwas Wichtiges erzählen möchte.
- Eigene Bildschirmzeit hinterfragen: Was lebe ich meinem Kind vor?
Wann sollten Eltern genauer hinschauen?
Alarmzeichen können sein:
- Ihr Kind ist morgens dauerhaft müde und erschöpft.
- Noten verschlechtern sich, Konzentration fällt schwer.
- Ihr Kind zieht sich sozial zurück oder wirkt ungewöhnlich gereizt.
- Es reagiert extrem wütend, wenn das Handy weggelegt werden soll.
- Absprachen zur Gerätezeit werden immer wieder ignoriert.
Dann lohnt sich:
- ein ruhiges Gespräch (ohne Vorwürfe)
- ggf. Einbeziehung der Schule (Klassenleitung, Schulsozialarbeit)
- bei deutlicher Belastung auch eine Beratung oder Fachstelle
Fazit: Bildschirmzeit zu Hause entscheidet mit über den Schulerfolg
Der BBC-Bericht macht deutlich, was viele Lehrkräfte längst im Alltag erleben:
Nicht nur Handys im Unterricht sind ein Problem – vor allem die exzessive Nutzung zu Hause raubt Kindern Schlaf, Konzentration und soziale Stabilität.
Die gute Nachricht: Eltern haben viel Einfluss.
Mit klaren Abendroutinen, festen Handyzeiten, echtem Interesse und einem guten Vorbild können Familien dafür sorgen, dass digitale Medien den Schulerfolg nicht ausbremsen – sondern ihn sinnvoll ergänzen.
Gute Medienerziehung beginnt nicht erst im Klassenzimmer, sondern zu Hause – jeden Abend, wenn das Display eigentlich ausgehen sollte.